Herbstseelensommer

 

 

 

Hier ein Auszug aus dem Roman, an dem ich gerade arbeite:

 

 

Oktober 2023

 

 

Wenn, wie jetzt im Herbst, die Alleen ausgedünnte bräunliche Tunnel bilden, die Jacke bis oben hin zugezogen und es windstill ist, wenn Spaziergänge bei schon schwächer gewordenem Licht beginnen, dann hat er neuerdings dieses Gefühl. Meist schon nach wenigen Schritten. Es ist schwer in Worte zu fassen. Etwas ist in ihm. Etwas Verbundenes. Etwas, das ihn ruhig werden lässt – und unruhig zugleich, weil er weiß, dass er es nicht festhalten kann, es nicht zu dem dauerhaften Gefühlszustand machen kann, den er sich so sehr wünscht.

 

Jetzt im Herbst zündet er Kerzen an, wann immer er zu Hause ist. Er ist oft zu Hause.

 

Er ist jetzt seit anderthalb Stunden unterwegs. Das Licht geht langsam zur Neige. Zwei Joggerinnen kommen ihm entgegen und unterhalten sich. „Na hör mal, das ist doch ihre Verantwortung!“ ist alles, was er, durch rasches Einatmen unterbrochen, versteht, dann sind sie schon vorbei. Da vorn ein junges Paar mit zwei Kindern, die Enten füttern, der Mann trägt einen Dutt und ein Tragetuch. Er lächelt, als er sieht, mit welchem Eifer die Kinder dabei sind. Er geht weiter. Je weiter er kommt, desto weniger Menschen kommen ihm entgegen. Schließlich ist er am anderen Ende des Sees angelangt. Er setzt sich auf die Bank. Die Welt wird allmählich schattenhaft. Gegenüber, im Westen, erstreckt sich ein rotes, von schmalen Wolkenfetzen durchbrochenes Band quer über den Himmel. Er atmet tief ein und aus. Er sieht den Hauch seines Atems. Er denkt an Caro. Er weiß, dass er in den Wolken ihr Gesicht sehen wird, wenn er nur lang genug hinschaut.

 

Auf dem Rückweg ist er von Finsternis umgeben. Der Himmel ist klar, der Mond scheint schon. In der Ferne leuchten orangefarbene Straßenlaternen durch die Zweige. Er hört seine Schritte und das Rascheln seiner Jacke. Gelegentlich lispeln die Blätter über ihm. Sonst ist es ruhig.