Die Geschichten meines Vaters

 

 

"Die Geschichten meines Vaters" ist ein Roman von mir aus dem Jahr 2025. Zum ersten Mal habe ich etwas handschriftlich verfasst: Was für eine Erfahrung! Die Schreibgeschwindigkeit war viel, viel höher als mit dem Notebook. Als ich den Text abgetippt hatte, habe ich das Manuskript Anfang 2026 an Suhrkamp, S, Fischer, Rowohlt und Diogenes geschickt.

 

Hier als kleine Leseprobe für euch ein Kapitel daraus:

 

 

 

Jahreshauptversammlung

 

 

Am Samstag, 1. Februar 1947, fand ab neunzehn Uhr die Jahreshauptversammlung der Freiwilligen Feuerwehr Koechstedt in der Gaststätte „Bei Lüddens“ statt. Ortsbrandmeister Heinrich Thielecke war nervös. Er war ein vierschrötiger Landwirt mit intelligentem Gesicht und strahlte eine natürliche Autorität aus. Sein schon graues, volles Haar trug er mit reichlich Pomade zurückgekämmt. Er war nach der Wahl im letzten Jahr zum Ortsbrandmeister bestellt worden. Die Männer respektierten ihn, denn er konnte gut führen. Dennoch war er schon seit heute Morgen unruhig. Eine Unruhe, die auch bei seiner Arbeit auf dem Feld über den Tag nicht hatte weichen wollen. Dabei hatten sie die Versammlung gut vorbereitet, der Kassenabschluss passte, und es standen nach seinem Ermessen keine strittigen Themen auf der Tagesordnung. Aber dennoch: Er hatte ein ungutes Gefühl.

Er war, wie es seine Art war, schon eine halbe Stunde vor Versammlungsbeginn in Lüddens´ Gaststätte eingetroffen, ebenso wie der Kassenwart und der Schriftführer. Beide waren gut aufgelegt, und er versuchte sich im Gespräch mit ihnen zu zerstreuen.

Jürgen und seine Schwestern hatten ihrer Mutter und ihrer Tante Elli beim Eindecken geholfen. Denn es war warmes Essen bei Schlachter Lüddecke in Koechstedt bestellt worden. Als es um 18:45 Uhr geliefert wurde, versteckten sich Jürgen und Brünnhild unter dem Tisch, auf den das warme Buffet gestellt werden sollte. Durch die offene Kneipentür kam ein Schwall eiskalter Luft in die Gaststätte hinein, da draußen fünfzehn Grad minus waren. Elli und Lotti hatten die weiße Papiertischdecke so lang abgeschnitten, dass sie fast bis zum Boden reichte, so dass sie Jürgen und Brünnhild vor den Blicken der Erwachsenen verbarg. Als das Essen auf Warmhalteplatten abgestellt worden war und die beiden Söhne des Schlachters, die es geliefert hatten, an die Theke gegangen waren, um mit Elli zu flirten und einen Schnaps zu trinken, nutzten Jürgen und Brünnhild die Gunst der Stunde, um rasch jeweils eine Scheibe Kasseler Bratens aus dem Behälter zu stibitzen, die sie genüsslich unter dem Tisch verzehrten.

Jetzt kamen auch die anderen Feuerwehrkameraden. Erneut wurde es eiskalt unter dem Tisch. Die Gaststube war schlagartig erfüllt von einem Stimmengewirr, und die beiden Kinder konnten von ihrem Versteck aus durch den schmalen Spalt jede Menge glänzender schwarzer Schuhe sehen.

Schließlich eröffnete Ortsbrandmeister Thielecke die Sitzung, dankte dem Kamerad Paul Grotje für die Spende des Essens, das sie gleich im Anschluss einnehmen würden, und stieg dann in die Tagesordnung ein.

Jürgen prüfte vorsichtig, ob die Gelegenheit bestand, sich weitere leckere Fleischstücke zu gönnen, musste den Gedanken aber verwerfen, als er unter dem Tisch hervorlugte und ihm ein Feuerwehrmann prompt eine Grimasse schnitt. Zum Glück hatten sie Papier und Stifte mit in ihre Höhle genommen, so dass sie während der für sie langweiligen Versammlung wenigstens malen konnten. Brünnhild mal schöne Blumen, Jürgen Pferde.

Allmählich wurde Ortsbrandmeister Thielecke innerlich ruhiger. Das lag sicherlich auch an den Bieren die er bereits getrunken hatte, aber auch am Verlauf der Versammlung: Die Formalia, wie er sie innerlich mit ein wenig Stolz auf die Formulierung bezeichnete, waren inzwischen abgehandelt, ohne dass es Probleme gegeben hätte. Nun folgte die Ideensammlung zum Fest im Sommer, danach kam noch der TOP Verschiedenes und dann konnten sie sich endlich dem lecker duftenden Essen hingeben, worauf er sich schon sehr freute, da er die Qualität der Lüddeckeschen Braten zu schätzen wusste. Er sagte: „Wir kommen damit zu TOP 6 ,Gestaltung des Festes anlässlich unseres 40jährigen Bestehens vom vierten bis sechsten Juli 1947´. Gibt es Wortmeldungen hierzu? Ja, Kamerad Koch?“.

Lothar Koch stand auf.

„Scheiß Kommunist!“ rief Horst Klingbeil.

„Bitte!“ sagte der Ortsbrandmeister. Lothar Koch begann:

„Ich denke, wir sollten unser Jubiläum auch dazu nutzen, um neben dem Feiern und den Wettkämpfen eine Rückschau auf die letzten vierzig Jahre zu halten.“ Beifälliges Gemurmel.

„Vielleicht in Form einer Ausstellung“, fuhr er fort. „Mit Kommentaren. Ich habe da mal mit Herrn Briegel gesprochen…“

„Kommunistenpack!“ rief wieder Klingbeil dazwischen.

„Horst, bitte!“ Thielecke sah ihn ernst an.

„Herr Dr. Briegel würde sehr gern die jüngere Vergangenheit der freiwilligen Feuerwehren in Niedersachsen im Allgemeinen sowie speziell auch unserer Wehr aufarbeiten.“

„Jüngere Vergangenheit?“ unterbrach ihn Egon Klose.

„Na ja, die braune Zeit, als wir den Stahlhelm trugen“, erläuterte Koch.

„Wenn ich keinen Stahlhelm getragen hätte, wäre ich nicht aus Stalingrad wiedergekommen!“ setzte Klose nach. Lautes Gelächter.

„Na, ihr wisst doch genau, was ich meine: Inwieweit waren wir verstrickt in nationalsozialistische Verbrechen?“

„Verbrechen?!“ rief Klingbeil erregt. „Was denn für Verbrechen?“

„Zum Beispiel, als das Haus von Paul Lindenzweig abgebrannt ist, im November 1938. Und wir hatten den Befehl von der Polizei nicht einzugreifen!“

„Wass´n das für´n Quatsch!“ rief Klingbeil aus. „Außerdem war es um die Judenhütte ja wohl mal überhaupt nicht schade!“

Aufgeregtes Gemurmel in der ganzen Gaststube.

„Horst, jetzt reicht´s aber, reiß dich zusammen!“ Heinrich Thielecke war rot angelaufen vor Wut. „Hab ich´s doch gewusst, ich hab´s gewusst!“ dachte er.

Lothar Koch war ebenfalls rot vor Erregung.

„Wisst ihr überhaupt, wo ich war die letzten Jahre? Ich war nicht im Krieg… Ich war im KZ, in Bergen-Belsen!“ Er zog sich den Uniformrock aus und krempelte die Ärmel seines Hemdes hoch. Seine Unterarme waren übersät von Narben. „Hier haben sie mir meine Nummer eingebrannt!“ Er zeigte auf die entsprechende Stelle.

„Umbringen sollen hätten sie dich, du elendes Kommunistenschwein!“ schrie Klingbeil.

Das war zuviel! Lothar Koch nahm, noch ehe Thielecke etwas sagen konnte, sein volles Bierglas und warf es in Richtung von Horst Klingbeil. Den traf es mit voller Wucht im Gesicht, woraufhin er seitlich vom Stuhl rutschte. Einen Moment lang war es komplett still in der Kneipe. Dann brach der Sturm los: Alle schrien wild durcheinander, eine Massenschlägerei brach aus. Alte Rechnungen wurden beglichen. Artur stürzte sich auf Friedrich von Cramme und schlug ihm mehrfach mit der Faust ins Gesicht. Soweit es Jürgen aus seinem Versteck beobachten konnte, schien sein Vater Spaß zu haben, denn er lachte, während er den Vater seiner Stieftochter verprügelte.

Heinrich Thielecke war zur Theke gestürzt, wo Wilhelm mit offenem Mund stand, während sich Lotti und Elli ängstlich aneinanderschmiegten. Er brüllte Wilhelm an: „Los, ruf die Polizei, die nehmen dir deine Kneipe auseinander!“ An der Theke stand das erste Telefon Koechstedts. Wilhelm wählte den Notruf. Thielecke versuchte den Lärm zu übertönen:

„Gleich kommen die Bullen!“

Aber niemand hörte ihn. Egon Klose zertrümmerte gerade einen Stuhl, um anschließend mit einem Stuhlbein auf seinen Nachbarn Adolf Müller loszugehen, den er seit der Sache mit Martha damals hasste. Er traf ihn am Oberarm. Die zerstrittenen Schulze-Zwillinge rangen am Boden miteinander. Der oben Liegende rammt dem Unterlegenen seinen Kopf ins Gesicht, woraufhin dieser jenen an den Haaren packte und den Kopf brutal nach hinten zog. Lothar Koch, der das Ganze mit seinem Bierglaswurf in Gang gebracht hatte, hatte sich vorsichtig nach hinten bewegt und lehnte sich an den Tisch, auf dem das Buffet stand. Jürgen hätte ihn am Bein kitzeln können. Brünnhild war inzwischen zu ihrer Mutter hinter die Theke geflüchtet. Horst Klingbeil hatte sich offenbar von dem Glastreffer erholt. Ächzend zog er sich an einer Tischkante nach oben. Mit blutverschmiertem Gesicht stand er vornübergebeugt da und fixierte Koch. „Du Kommunistensau, dich bringe ich um!“ grunzte er. Mit wankenden Schritten stolperte er auf Lothar Koch zu. Dem ging es wie dem Kaninchen vor der Schlange: Starr vor Angst wusste er nicht, wohin. Schließlich griff sich Klingbeil einen der metallenen Essensdeckel und zog ihn Koch über den Kopf. Danach packte er ihn am Kragen und tunkte seinen Kopf in das offen daliegende, heiß dampfende Sauerkraut. Koch schrie auf. Doch Klingbeil zog ihn wieder hoch. Mit seiner Sauerkrautfrisur sah er aus wie ein Heavy-Metal-Fan der achtziger Jahre, aber von denen wusste hier natürlich noch niemand etwas. Klingbeil packte Koch erneut am Kragen und schlug seinen Oberkörper so heftig auf den Tisch, dass Jürgen sofort seitlich darunter hervorkroch. Einmal! Zweimal! Dreimal! – Beim vierten Mal brach der Tisch schließlich zusammen. Klingbeil nahm eine Kelle und goss mit ihr die heiße Bratensauce dem am Boden liegenden Koch über den Kopf, so dass dieser erneut laut aufschrie. Schließlich wurde Klingbeil von Thielecke und Wilhelm festgehalten und mit einer gemeinsamen Kraftanstrengung vom Schlachtfeld gezerrt.

Für Jürgen wurde ein Traum wahr: Vor ihm war der Behälter mit dem Fleisch zum Stehen gekommen. „Hmmm, lecker!“ sagte er und biss ein Stück von dem zarten Kasseler Braten ab. Er schaute auf zu seinem Vater, der sich nach Bettys biologischem Vater nun dem verhassten Bernd „Läuse“-Wilkens widmete, der neben ihnen wohnte. Dass Artur sich heute mal so richtig verausgaben konnte, bewahrte Jürgen wohl vor der Klopppeitsche, denn als sich ihre Blicke trafen, erkannte Jürgen so etwas wie Wohlwollen in den Augen seines Vaters.

Dann sprang die Außentür auf, ein Schwall kalter Luft drang in die Gaststube – und mit ihm die Polizei. Der Hauptmann schrie: „Aufhören, sofort! Polizei!“ Allmählich beruhigte sich das Kampfgeschehen. Jürgen riss ein Stück der weißen Papiertischdecke ab, wickelte soviel Fleisch, wie er konnte, darin ein und krabbelte damit vorsichtig  zur rückwärtigen Tür, die er schließlich mit einem stolzen Grinsen im Gesicht und seiner Beute in der Hand durchschritt.